Zur Geschichte der SOG

Die Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) mit Sitz in München wurde 1952 gegründet. Gründungsmitglieder waren: Prof. Dr. Fritz Valjavec, Prof. Dr. Harold Steinacker, Dr. Boris Tschoban, Dr. Franz H. Riedl, Prof. Dr. Josef Matl, Franz Hamm, Prof. Dr. Johann W. Mannhardt, Dr. Hermann Maurer, Msgr. Albert Büttner, Karl August Fischer, Prof. Dr. Hans Koch, Hans Hartl und Prof. Dr. Hans Übersberger.

Als Vorstand fungierte in den ersten Jahren (bis 1957) Prof. Dr. Fritz Valjavec. Erster Präsident war Prof. Dr. Wilhelm Gülich von 1958 bis zu seinem Tod 1960. Ihm folgte Dr. Rudolf Vogel (Amtszeit 1960-1965). Als Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied übernahm RA Dr. Theodor von Uzorinac-Koháry von 1959 bis zu seinem Tod 1967 als erster die – seinerzeit ehrenamtliche – Geschäftsführung des Vereins.

Die operative Arbeit der Südosteuropa-Gesellschaft begann 1955. Ab 1960 beschloss man, sich den Zielen “Frieden und Versöhnung” zu widmen und mit den Partnerländern über den “Eisernen Vorhang” hinweg auch in den Zeiten des Kalten Krieges möglichst eng zusammen zu arbeiten und wissenschaftlich auszutauschen. Als Mittlerorganisation im Rahmen einer “Dritten Säule” der deutschen Außenpolitik erhielt die SOG bereits in den 1960er Jahren institutionelle Zuwendungen des Auswärtigen Amts. Prägende Persönlichkeit als Präsident der SOG war seit 1965 bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2000 der Bundestagsabgeordnete Dr. Walter Althammer.

Als sich 1989 die Blockbildung in Europa auflöste, verfügte die SOG bereits über ein umfangreiches Veranstaltungs- und Publikationsprogramm, das in der Folge besonders von den Themen der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umgestaltung in den ehemals sozialistischen Ländern geprägt wurde. Die Folgen der jugoslawischen Teilungen und Kriege führten zu einer immer intensiveren und aktuelleren Ausrichtung der operativen Arbeit der SOG.

In einem Grußwort zur 50-Jahr-Feier der Südosteuropa-Gesellschaft 2002 stellte der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer die Bedeutung der SOG wir folgt heraus:

“Über ein halbes Jahrhundert hat die Südosteuropa-Gesellschaft es verstanden, politische und persönliche Brücken zu bauen zwischen Deutschland und seinen südosteuropäischen Nachbarn: Als Forum des Dialogs, als Impulsgeber für regionale Zusammenarbeit und als Ideengeber der deutschen Politik.

Nach dem Umbruch von 1989 hat das integrierte Europa den aufbrechenden Krisen und Konflikten dieser europäischen Nachbarregion allzulange distanziert gegenübergestanden. Heute ist die Europäische Union und mit ihr die Bundesrepublik Deutschland umfassend in der Region engagiert: politisch, wirtschaftlich, aber – wo notwendig – auch bei der militärischen Absicherung einer friedlichen und stabilen Entwicklung.

Vieles ist schon erreicht worden. Ein aggressiver Nationalismus hat heute nirgendwo in Europa mehr Platz. Die Herausforderungen in Südosteuropa bleiben dennoch enorm: Wie kann es gelingen, das Spannungsverhältnis von Nationalstaatsprinzip und Multiethnizität dauerhaft gewaltfrei aufzulösen? Welchen Schutz und welche Teilhaberechte sollen und müssen Minderheiten erhalten? Wie können die Länder der Region Anschluss finden an die ökonomische Modernisierung?

Europas Engagement in der Region braucht auch künftig einen langen Atem und einen breiten Ansatz, der regionale Kooperation und europäische Perspektive miteinander verbindet. Diese Kombination war und ist der Kern des Stabilitätspakts für Südosteuropa, sie ist ein entscheidender Baustein für eine gute Zukunft der Staaten und Völker der Region. Um eine solche Politik langfristig angelegter Präsenz und Zusammenarbeit zu gestalten, braucht man Verbündete.

Ich freue mich, in der Südosteuropa-Gesellschaft auch künftig einen solchen Verbündeten zu haben, der mit seinem großen Sachverstand und seinem beharrlichen Werben um Verständnis und Verständigung die deutsche und europäische Politik weiterhin begleiten wird.”

Joschka Fischer

In Südosteuropa standen viele Fragen von Konfliktlösung, die Transformationen von Gesellschaften und Wirtschaft sowie von europäischer Integration in den 1990er Jahren im Zentrum – und wurden zur zunehmend intensiven Beschäftigung der SOG mit den Zukunftsfragen der Region. Die SOG etablierte sich als wichtige Institution an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Medien in Bezug auf die Region Südosteuropa. Seit dem Jahr 2000 prägt Dr. h.c. Gernot Erler, MdB, als Präsident die Arbeit der SOG.

Zur Vor- und Gründungsgeschichte der SOG

2012, zum 60-jährigen Jubiläum der Südosteuropa-Gesellschaft, richtete das Präsidium eine aus Historiker/innen bestehende Arbeitsgruppe zur Geschichte der SOG ein, die sich mit der Aufarbeitung der eigenen institutionellen Geschichte befassen sollte. Die Frage nach der Vorgeschichte der SOG während des Nationalsozialismus sowie nach den personellen und den “ideologischen” Kontinuitäten (und Brüchen) in der Zeit der frühen Bundesrepublik erhielt allerdings schon bald unerwartete Virulenz.

Ausschlaggebend für einen neuen Blick wurde der für das Jahr 2013 als Preisträger des Journalistenpreises der SOG, der “Rudolf-Vogel-Medaille”, ausgewählte Schweizer Journalist der »Neuen Zürcher Zeitung« Dr. Andreas Ernst. Er hatte die SOG in den Tagen vor der Jahreshauptversammlung in Bochum im Februar 2013 auf die problematische Biographie des Namensgebers des Journalistenpreises hingewiesen und eine Annahme des Preises unter diesen Konditionen verweigert. Der Name des Journalistenpreises wurde daraufhin geändert – ein Schritt, der auch den Preisträger zur Annahme der Auszeichnung bewog.

Die zunächst noch sehr spärlichen Kenntnisse über die Vergangenheit Rudolf Vogels, der 1960-1965 SOG-Präsident gewesen war, wurden in der Folge durch eine Reihe von Artikeln des FAZ-Journalisten Michael Martens konkretisiert und mit unbezweifelbarer Eindeutigkeit belegt. Sie zeigten Vogel – entgegen der von ihm selbst nach 1945 behaupteten angeblichen Distanz zum Nationalsozialismus – als einen von keinerlei erkennbaren Zweifeln befallenen Mitläufer und journalistischen Propagandisten des NS-Systems.

In der Folge beschloss das SOG-Präsidium eine Reihe von Initiativen, um offenen Fragen zur eigenen Institutionen-Geschichte im Rahmen der institutionellen, personellen und auch materiellen Möglichkeiten der Südosteuropa-Gesellschaft näher zu kommen:

  • Am 16./17. Dezember 2013 fand in München ein Symposion zur „Vor- und Gründungsgeschichte der Südosteuropa-Gesellschaft: Kritische Fragen zu Kontexten und Kontinuitäten“ statt. Zentrale Teile der Ergebnisse wurden in überarbeiteter Form in den „Südosteuropa Mitteilungen“, Heft 4/2014, dokumentiert sowie in einer Reihe von Beiträgen auf der SOG-Website veröffentlicht (siehe unten).
  • Das Archiv der Südosteuropa-Gesellschaft wurde archivarisch aufgearbeitet und dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv zur öffentlichen Nutzung übergeben. Es steht der Forschung damit – derzeit für die Zeit bis Mitte der 1970er Jahre – zur Einsicht und Nutzung offen.
  • Ein erstes Forschungsprojekt wurde auf den Weg gebracht: Robert Pech aus Leipzig erhielt für sein Dissertationsprojekt „Fritz Valjavec und die Entwicklung der deutschen Südosteuropaforschung“ ein zweijähriges Promotionsstipendium der FAZIT-Stiftung. Weitere studentische Qualifikationsarbeiten sowie, nach Möglichkeit, auch Forschungsvorhaben zur Geschichte der SOG sollen angeregt und eingeworben werden. Kolleginnen und Kollegen bleiben aufgefordert, durch die Anregung von Qualifikationsarbeiten Forschungslücken zur Geschichte der Südosteuropa-Forschung und der SOG zu schließen.
  • Die bislang einzige monographische Forschungsarbeit, die sich in systematischerer Weise mit der Geschichte der Südosteuropa-Historiographie und dabei auch der SOG beschäftigt – eine ungedruckt gebliebene Hannoveraner Magisterarbeit von Dorothea Willkomm aus dem Jahr 1979 – wird mit einem Vorwort von Mathias Beer versehen voraussichtlich Anfang 2016 in der SOG-Schriftenreihe “Südosteuropa-Studien” abgedruckt.
  • Immer wieder erscheinen in den Südosteuropa Mitteilungen Artikel über neue Forschungsergebnisse und Einsichten in die Thematik, welche institutionellen und personellen Spuren aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs nachgehen sowie die Geschichte der Südosteuropa-Forschung und ihrer Institutionen im Übergang vom Nationalsozialismus zur frühen Bundesrepublik bilanzieren.

Die Südosteuropa-Gesellschaft ist für alle Anregungen, Vorschläge, Beiträge und Ideen in dieser Thematik offen.

Symposion

“Vor- und Gründungsgeschichte der Südosteuropa-Gesellschaft: Kritische Fragen zu Kontexten und Kontinuitäten”

Podium Symposion: Dr. Beer, Prof. Axt, Dr. Ernst, Prof Unger, Prof. EtzemüllerLeitung: Dr. h.c. Gernot Erler, MdB, Präsident der Südosteuropa-Gesellschaft, Berlin
Termin: 16./17. Dezember 2013
Veranstaltungsort: München, Carl Friedrich von Siemens Stiftung, Südliches Schloßrondell 23

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